{"id":4764,"date":"2024-01-12T12:00:00","date_gmt":"2024-01-12T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kirche-aktuell.de\/?p=4764"},"modified":"2024-01-12T12:00:00","modified_gmt":"2024-01-12T11:00:00","slug":"wort-unseres-bischofs-dr-franz-josef-overbeck-zum-jahr-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kirche-aktuell.de\/?p=4764","title":{"rendered":"Wort unseres Bischofs Dr. Franz-Josef Overbeck zum Jahr 2024"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder!<\/p>\n<p>I.<br \/>\u201eF\u00fcr das Vergangene \u2013 Dank. F\u00fcr das Kommende \u2013 Ja!\u201c Dieses Zitat stammt vom zweiten Generalsekret\u00e4r der Vereinten Nationen, dem Friedensnobelpreistr\u00e4ger Dag Hammarskj\u00f6ld.<br \/>Immer wieder hat der tiefgl\u00e4ubige Christ diesen Satz in seinem Tagebuch notiert \u2013 gerade auch zum Jahreswechsel. Dem Vergangenen danken und dem Kommenden mit Zuversicht begegnen \u2013 hinter einem solchen \u201eJa\u201c steht die Gewissheit, dass wir auf Gott, der f\u00fcr uns Mensch geworden ist, vertrauen k\u00f6nnen. Das ist der Glaube, der uns tr\u00e4gt und der uns auch in Zeiten des Wandels Kirche sein undgestalten l\u00e4sst.<br \/>Vor wenigen Wochen hat eine Untersuchung der beiden gro\u00dfen Kirchen in Deutschland, die einen solchen Wandel mehr als deutlich aufzeigt, f\u00fcr Schlagzeilen gesorgt: Immer mehr Menschen in unserem Land verlieren diesen Glauben an Gott. Wahrscheinlich erlebe Sie das alle in Ihrem pers\u00f6nlichen Umfeld, vielleicht aber auch in Ihren eigenen Familien: An Gott zu glauben \u2013 das ist keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit mehr.<br \/>Noch vor wenigen Jahrzehnten war das anders: Wer einer christlichen Kirche angeh\u00f6rte, musste das nicht ernsthaft begr\u00fcnden. Warum auch? Die gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung geh\u00f6rte lange<br \/>Zeit einer der beiden gro\u00dfen Kirchen an \u2013 bis zum Ende des letzten Jahrhunderts waren es noch rund 70 Prozent; in den Nachkriegsjahren sogar bis zu 90 Prozent. Nat\u00fcrlich gab es auch in jener Zeit intensive Auseinandersetzungen und kontroverse Debatten \u00fcber Religion und Kirche in der Gesellschaft und in der Politik. Aber kaum jemand stellte dabei die gro\u00dfe gesellschaftliche Bedeutung der Kirchen grunds\u00e4tzlich in Frage. Das hat sich heute drastisch ver\u00e4ndert. Wir haben l\u00e4ngst den Punkt \u00fcberschritten, an dem weniger als die H\u00e4lfte der Menschen in Deutschland einer der beiden christlichen Kirchen angeh\u00f6rt. Es gibt keinen Zweifel: Christinnen und Christen werden in Deutschland zur Minderheit \u2013 mit allen Folgen.<br \/>Vielfach ist davon die Rede, dass diese Talfahrt des Christentums die Folge einer fundamentalen Krise der Kirchen ist \u2013 insbesondere unserer katholischen Kirche. Da ist viel Wahres dran. Zugleich sind  aber wohl die meisten unter uns auch m\u00fcde geworden, wenn die Krise zu einem Dauerzustand wird. Sie alle sp\u00fcren vielleicht schon seit Jahren, dass wir es nicht mit einem vor\u00fcbergehenden Zustand zu tun haben, sondern mit einem wirklich dramatischen Umbruch.<br \/>Als kurz nach der Jahrtausendwende die ersten gro\u00dfen Strukturver\u00e4nderungen unser Bistum umgestalteten, hofften viele noch darauf, dass es danach wieder in ruhigen Bahnen weitgehen k\u00f6nne. Das war und ist eine Illusion. Die Krise, die unsere Kirchen erleben, ist kein vor\u00fcbergehender Ausnahmezustand. Das, was manche als \u201eKirchenkrise\u201c bezeichnen, ist schlicht und ergreifend eine Realit\u00e4t, die bleibt. Der dramatische Umbruch, den wir zu bestehen haben, geht viel tiefer als jede \u201eKrise\u201c \u2013 er ber\u00fchrt die Wurzeln unseres Selbstverst\u00e4ndnisses als Christinnen und Christen, vor allem aber als katholische Kirche. Mehr noch: Vieles, was lange Zeit als unantastbar und unver\u00e4nderlich galt, steht heute in Frage. Wer insgeheim immer noch hofft, irgendwann werde die \u201eKrise\u201c schon \u00fcberstanden sein und dann werde all das, was fr\u00fcher galt, wieder \u201eneu\u201c und \u201ever\u00e4ndert\u201c ins Recht gesetzt, erliegt einer Illusion. Es ist gef\u00e4hrlich, dieser Illusion zu folgen oder gar zu meinen, den Zustand einer vermeintlich guten alten Kirchen-Zeit mit autorit\u00e4rem Druck wieder herstellen zu wollen. Denn solche Wege verschlie\u00dfen den Blick f\u00fcr die<br \/>Realit\u00e4t der Welt von heute \u2013 und vor allem f\u00fcr die Menschen, die heute und in den kommenden Generationen in dieser Welt leben. Unsere Aufgabe ist es, dieser Welt und den Menschen wirklich zu begegnen \u2013 und uns dabei nicht von Traumwelten und Illusionen blenden zu lassen. In dieser Welt und in den Menschen dieser Welt zeigt sich Gott \u2013 und ruft uns dazu auf, IHN in der<br \/>Welt und im Miteinander-Leben zu entdecken.<\/p>\n<p>II.<br \/>Mich bewegt seit langem nat\u00fcrlich sehr die Frage, was das konkret bedeutet f\u00fcr unser Kirche-Sein und f\u00fcr unseren Anspruch, den Glauben an den Gott Jesu Christi weiterzugeben und Menschen<br \/>daf\u00fcr zu begeistern. Ich wei\u00df darauf keine einfachen Antworten und habe auch keine Patentrezepte. Vielleicht kann es die auch gar nicht geben in einer Welt, in der der Glaube an Gott nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich ist \u2013 und in der die Menschen wirklich frei sind zu w\u00e4hlen, woran sie glauben und worauf sie in ihrem Leben setzen wollen. Deshalb mute ich Ihnen und mir zu, eine Wahrheit ungeschminkt auszusprechen: Es gibt kein Allheilmittel, das den Trend einer sogenannten \u201eEntkirchlichung\u201c unserer Gesellschaft stoppen k\u00f6nnte. Daran werden auch die aus<br \/>meiner Sicht dringend notwendigen Reformen, die der synoda-<br \/>le Weg beschreibt, nicht etwas grunds\u00e4tzlich \u00e4ndern \u2013 und auch nicht die \ufb02ammenden Appelle zu einer \u201eNeuevangelisierung\u201c, die oft so klingen, als br\u00e4uchte den Menschen einfach nur besser erkl\u00e4rt werden, woran sie glauben sollen, damit sie es dann auch tun. Nein, wir werden aushalten m\u00fcssen, dass eine zunehmende Mehrheit in unserem Land keiner Religionsgemeinschaft mehr angeh\u00f6ren will. Wir werden aushalten m\u00fcssen, dass Religion und Glaube f\u00fcr sehr viele Menschen noch nicht einmal mehr eine Frage ist.<br \/>Ich wei\u00df, dass das ern\u00fcchternd und in manchen Ohren auch wenig hoffnungsvoll klingt. Aber ich halte diese n\u00fcchterne und f\u00fcr mich eher dem\u00fctige Einsicht f\u00fcr entscheidend: Es braucht den Mut, endlich damit aufzuh\u00f6ren, an einer verkl\u00e4rten Gestalt von \u201eVolkskirche\u201c festzuhalten, die es so nicht mehr gibt und auch nicht mehr geben wird. Ich verstehe die Trauer \u00fcber den Verlust einer kirchlichen Gestalt, die viel Sicherheit gab und daf\u00fcr sorgte, dass viele Generationen in unserer<br \/>Kirche Heimat und Geborgenheit fanden. Zugleich aber will ich auch nicht dar\u00fcber hinwegsehen, dass in der Volkskirche der vergangenen Jahrzehnte l\u00e4ngst nicht alles nur \u201egut\u201c war.<br \/>Mich tr\u00f6stet, dass schon vor mehr als einem halben Jahrhundert in unserer Kirche die \u00dcberzeugung wuchs, nicht einer Vergangenheit nachzutrauern, sondern mit ganzem Herzen Kirche in der Welt von heute zu sein. Bereits der gro\u00dfe Konzilstheologe Karl Rahner hat kurz<br \/>nach dem II. Vatikanischen Konzil darauf hingewiesen, dass es unter Katholikinnen und Katholiken eine Grundtendenz gebe, mit aller Kraft \u201edas \u00dcberkommene\u201c verteidigen zu wollen. Dabei m\u00fcssten wir doch in viel st\u00e4rkerem Ma\u00dfe Vorsorge f\u00fcr eine Situation treffen, so Rahner, die<br \/>stets \u201eim Kommen\u201c ist. Vorsorge treffen f\u00fcr eine Situation, die \u201eim Kommen\u201c ist \u2013 das bedeutet: Offensein f\u00fcr wirklich Neues, ohne sich dabei jede beliebige Tendenz zu eigen machen zu m\u00fcssen. Unser Glaube an den lebendigen Gott vertr\u00e4gt keinen Stillstand. Jeder Versuch, im Namen einer<br \/>angeblich unver\u00e4nderlichen Tradition bedingungslos alle Ver\u00e4nderungen zu verhindern, ist zum Scheitern verurteilt. Tradition ist wie ein Fluss, dessen Wasser sich aus unterschiedlichen Quellen speist, aber doch aus dem Grund der Erde stammt \u2013 und dann stets in Bewegung bleibt. Christlicher Glaube wurzelt im Grund des Evangeliums und damit in der Tiefe Gottes \u2013 und doch speist er sich in dieser Welt aus sehr unterschiedlichen Quellen von menschlichen Kulturen und zeitgeschichtlichen Epochen. Tradition ist kein fest geschn\u00fcrtes Paket, das unver\u00e4nderlich durch die Zeiten getragen wird. Es geh\u00f6rt zur Vielfalt des Katholischen, den Glauben mit der jeweiligen Zeit und den Fragen der Menschen zu verbinden. Das f\u00fchrte durch die Geschichte hindurch zu vielen kontroversen Debatten \u2013 an deren Ende bestimmte Werte und Orientierungen standen, aber auch gro\u00dfe Reformen folgten.<\/p>\n<p>III.<br \/>Die Geschichte unserer christlichen Kirche macht Mut, heute keine Angst vor den schwierigen Auseinandersetzungen um die Zukunft zu haben. Vielmehr sollten wir begreifen, dass diese Auseinandersetzungen wichtig sind. Allerdings setzen sie auf allen Seiten die Bereitschaft voraus, die je andere Position ernsthaft verstehen zu wollen \u2013 und darauf zu vertrauen, dass Gottes Geist gerade dort wirkt, wo Menschen mit unterschiedlichen Positionen aufeinander zugehen, voneinander lernen und im gemeinsamen Suchen auch tragf\u00e4hige Antworten \ufb01nden. Es besorgt mich sehr, mit welcher Unbarmherzigkeit viele inner  kirchliche Auseinandersetzungen zuweilen gef\u00fchrt werden. Manche Themen werden zu Schaupl\u00e4tzen \u00e4u\u00dferst intensiver und verletzender Anfeindungen, oft getarnt im Mantel vermeintlicher Rechtgl\u00e4ubigkeit. Einige gehen dabei gar so weit, ihren Mitchristinnen und Mitchristen aufgrund einer anderen Meinung oder Haltung das<br \/>Katholisch-Sein abzusprechen. Das d\u00fcrfen wir nicht zulassen. So etwas widerspricht auf fundamentale Weise dem Evangelium. Stattdessen sollten wir f\u00fcr ein Christentum und ein Kirche-Sein eintreten, das Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit verbindet und f\u00fcr Ausgleich und Vers\u00f6hnung sorgt. Das st\u00e4rkt nicht zuletzt auch unsere Demokratie, die Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit sichert sowie die Meinungs- und Religionsfreiheit aller garantiert. Ich bin mir<br \/>sicher, dass wir so miteinander \u2013 ganz nah an der Vers\u00f6hnungs- und Erl\u00f6sungsbotschaft des Evangeliums \u2013 am besten Vorsorge f\u00fcr eine Situation treffen k\u00f6nnen, die \u201eim Kommen\u201c ist.<br \/>Dabei ist die reine Gr\u00f6\u00dfe unserer Gemeinschaft letztendlich auch zweitrangig. Deshalb d\u00fcrfen wir auch kirchliche Strukturen und Standards loslassen, die in fr\u00fcheren Zeiten ihre Berechtigung hatten, heute aber nicht mehr in unsere Wirklichkeit passen \u2013 und die mit den uns zur Verf\u00fcgung stehenden Mitteln auch gar nicht mehr aufrechterhalten werden k\u00f6nnen. Ich w\u00fcnsche mir, dass es uns im Ruhrbistum weiter gelingt, mutig und entschieden neue Perspektiven einzunehmen, die viel<br \/>mehr das in den Mittelpunkt stellen, was das Christ- und Kirche-Sein im hier und jetzt wirklich bedeutsam und unabdingbar macht.<br \/>Wir haben das bereits in den zur\u00fcckliegenden Jahren getan und durch die bisherigen Reformschritte wichtige Voraussetzungen geschaffen, um auch jetzt noch handlungsf\u00e4hig zu bleiben. Deshalb danke ich ausdr\u00fccklich allen, die sich im Bistum Essen nach wie vor hauptberu\ufb02ich und ehrenamtlich auf ganz unterschiedliche Art und Weise f\u00fcr ihre Mitmenschen einsetzen. Ich wei\u00df, dass die Strukturver\u00e4nderungen viel Kraft kosten. Aber sie helfen dabei, dass es auch heute noch und ebenso in den kommenden Jahren m\u00f6glich sein wird, in unseren Gemeinden und Gemeinschaften, in unseren Kindertageseinrichtungen, Schulen, Caritasverb\u00e4nden, Bildungsorten, in P\ufb02ege- und Gesundheitseinrichtungen und an vielen anderen Orten f\u00fcreinander da zu sein und Gottes Liebe im Miteinander zu leben. Sie alle sind christliche Kirche \u2013 und Sie alle bewegen unsere Kirche und unsere Gesellschaft zum Guten hin.<\/p>\n<p>IV.<br \/>Umso mehr belastet es mich genauso wie Sie alle, dass in unserer Kirche durch den Missbrauchsskandal so unfassbar viel Leid geschehen ist \u2013 und wohl auch immer noch geschieht. Besonders erschreckend waren im vergangenen Jahr die Missbrauchsvorw\u00fcrfe gegen den Gr\u00fcnderbischof des Bistums Essen, Franz Kardinal Hengsbach.<br \/>Viele von Ihnen sind schockiert oder auch verzweifelt, weil der Schrecken der sexualisierten Gewalt in unserer Kirche kein Ende nimmt \u2013 und nun einen weit \u00fcber das Ruhrbistum hinaus verehrten Bischof und Kardinal betrifft. Wir haben ein regelrechtes Erdbeben erlebt, weil mit dieser bisch\u00f6\ufb02ichen Identi\ufb01kations\ufb01gur lange Zeit auch eine Idealvorstellung von Kirche verbunden worden ist, die jetzt endg\u00fcltig zerbricht. Zugleich haben mir viele Menschen, die die damalige<br \/>Zeit noch erlebt haben, auch deutlich signalisiert, dass diese kirchengeschichtliche Epoche unseres Bistums keineswegs nur \u201eideal\u201c war, sondern vielerlei Schattenseiten hatte. Das ist schwer auszuhalten und mir ist bewusst, wie sehr das viele Menschen in unserem Bistum gerade zerrei\u00dft. Aber es f\u00fchrt kein Weg daran vorbei, uns gemeinsam diesen bitteren Realit\u00e4ten zu stellen. Das ist ein Teil von Aufarbeitung. Ein einfaches \u201eWeiter so\u201c darf f\u00fcr uns deshalb keine Option sein.<br \/>Manche Stimmen behaupten allerdings, Reformkr\u00e4fte w\u00fcrden die schrecklichen Missbrauchsverbrechen in unserer Kirche jetzt blo\u00df f\u00fcr ihre Zwecke nutzen, um bestimmte kirchenpolitische Themen durch zusetzen. Gegen solche haltlosen Unterstellungen verwahre ich mich entschieden, zumal sie aus meiner Sicht die wesentlichen Zeichen der Zeit verkennen: Wenn wir es als Kirche wirklich ernst nehmen, konsequent auf die Stimmen derer zu h\u00f6ren, die von Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt betroffen sind, dann ist es unsere christliche P\ufb02icht, alle Strukturen zu ver\u00e4ndern, die diese schrecklichen Verbrechen beg\u00fcnstigt haben. Ich bin mir aber zudem sicher, dass solche Ver\u00e4nderungen entscheidend zu einer Kirche beitragen, in der sich Menschen wertgesch\u00e4tzt und beheimatet wissen \u2013 und keine Angst haben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>V.<br \/>In den kommenden Jahren werden wir nun einige gro\u00dfe Schritte weitergehen m\u00fcssen, um Vorsorge zu treffen f\u00fcr eine Situation, die \u201eim Kommen\u201c ist. Weil wir die Kirche in der \u201e\u00fcberkommenen\u201c Gestalt nicht um jeden Preis retten m\u00fcssen und auch nicht k\u00f6nnen, werden<br \/>wir auf der Grundlage der laufenden Pfarreientwicklungsprozesse in den n\u00e4chsten f\u00fcnf bis f\u00fcnfzehn Jahren Ver\u00e4nderungen weiter gemeinsam gestalten. Wir sehen l\u00e4ngst, dass es ein \ufb02\u00e4chendeckendes, von vielen Hauptberu\ufb02 ichen verantwortetes Angebot wie in der Vergangenheit nicht mehr geben kann. Schon jetzt kommen viele in unseren Pfarreien an die Grenzen ihrer Kr\u00e4fte \u2013 die Hauptberu\ufb02ichen genauso wie die vielen Ehrenamtlichen. Das darf kein Dauer-<br \/>zustand sein. Deshalb ist ein weiterer Weg des Zusammenr\u00fcckens unumg\u00e4nglich. Das ist wahrscheinlich einer der gro\u00dfen Kulturschritte, die wir jetzt zu gehen haben: Es geht darum, das Verbindende zu suchen und danach zu fragen, wie es uns in unserer Region gelingen kann, christliches Leben in gro\u00dfer Weite und Offenheit lebendig zu erhalten \u2013 auch in den Generationen, die auf uns folgen. Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass wir f\u00fcr die kommenden Generationen kirchliches Leben sehr vielf\u00e4ltig und zugleich r\u00e4umlich breiter entwickeln m\u00fcssen. Dabei d\u00fcrfen wir bereits jetzt auf eine gro\u00dfe Vielfalt setzen \u2013 unsere Kirche ist ja weit mehr als die Kirchengeb\u00e4ude vor Ort. Sie lebt in Schulen, KiTas, Caritasorten, in Verb\u00e4nden und Gemeinschaften unterschiedlicher<br \/>Art. In dieser Vielfalt gilt es, sich st\u00e4rker zu verbinden und auszurichten auf die jeweilige Stadt oder den jeweiligen Kreis.<br \/>Ich wei\u00df, wie viele Sorgen das manchen von Ihnen bereitet. Aber ich will Sie gerne ermutigen. Ich erlebe in unserer Region nach wie vor zahlreiche Menschen, f\u00fcr die das christliche Leben gro\u00dfe Bedeutung hat. Aus vielen Begegnungen wei\u00df ich, dass es eine intensive und auch neugierige Suche nach Sinn und Orientierung gibt, genauso wie einen tiefen Wunsch nach Vergemeinschaftung. Daf\u00fcr braucht es Identi\ufb01 kationsorte von Kirche, die aber sehr unterschiedlich sein m\u00fcssen \u2013 und sich manchmal spezialisiert nur einer einzigen Aufgabe stellen, aber daf\u00fcr Menschen mit ihren Fragen, Bed\u00fcrfnissen oder N\u00f6ten auch bestm\u00f6glich gerecht werden k\u00f6nnen. Daf\u00fcr lohnt es sich, zu arbeiten und alle M\u00fche auf sich zu nehmen. Es bedeutet aber, in viel st\u00e4rkerem Ma\u00dfe lernen zu m\u00fcssen, eine Diasporakirche zu sein, die gro\u00dfe R\u00e4ume braucht, um Resonanz zu erzeugen und Menschen zu sammeln.<br \/>Bei aller Entschiedenheit, jetzt gemeinsam neue Wege zu erkunden, will ich \u00c4ngste und Bedenken nicht verschweigen. Die Aufgabe, Kirche auf Stadt- und Kreisebene unter den beschriebenen Voraussetzungen verantwortet zu gestalten und weiterzuentwickeln, wird uns einige Kr\u00e4fte abverlangen. Wut und Trauer \u00fcber das endg\u00fcltige Abschiednehmen von einer Volkskirche, in der sich viele von uns beheimatet f\u00fchlen, brauchen Raum. Aber wir m\u00fcssen heute anfangen, weiter neue Wege zu beschreiten, die auch mit manchen Abschieden verbunden sind. Einfach stehenbleiben und alles belassen, wie es ist, wird am Ende nur dazu f\u00fchren, gar nicht mehr handeln zu k\u00f6nnen und in der Bedeutungslosigkeit zu versinken: Bedeutungslos in spiritueller, gesellschaftlicher und moralischer Hinsicht, aber eben auch bedeutungslos f\u00fcr das Wachhalten der Gottesfrage in einer s\u00e4kularen Zeit.<br \/>Vielleicht \u00e4hnelt das Christentum bei uns heute wieder mehr dem, was es am Anfang war: Die Religion von Menschen auf dem Weg. Die Herausforderung, sich der bleibenden Bedeutung der Menschwer dung Gottes, des Todes und der Auferweckung Jesu immer wieder neu zu vergewissern, ist keineswegs nur ein Ph\u00e4nomen unserer Zeit.<br \/>Der Auftrag, Erinnerungen an die Worte und Taten des Auferstandenen so weiterzugeben, dass sie unter den Menschen lebendig bleiben, stellt \u2013 so wie in der Apostelgeschichte beschrieben \u2013 den Anfang unserer Kirche dar. Dieser Aufgabe bleiben wir treu und vertrauen auf den Heiligen Geist, mit dem Gott uns alle auf unseren Wegen st\u00e4rkt.<br \/>Seine Gaben und sein gutes Geleit erbitte ich Ihnen, Ihren Familien und allen Menschen, mit denen Sie leben.<\/p>\n<p>Mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfen und allen Segensw\u00fcnschen Ihr<br \/>+ Dr. Franz-Josef Overbeck<br \/>Bischof von Essen<\/p>\n<p>&#013;<br \/>\nSource: PV Gelsenkirchen-Horst<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder! I.\u201eF\u00fcr das Vergangene \u2013 Dank. F\u00fcr das Kommende \u2013 Ja!\u201c Dieses Zitat stammt vom zweiten Generalsekret\u00e4r der Vereinten Nationen, dem Friedensnobelpreistr\u00e4ger Dag Hammarskj\u00f6ld.Immer wieder hat der tiefgl\u00e4ubige Christ diesen Satz in seinem Tagebuch notiert \u2013 gerade auch zum Jahreswechsel. 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