{"id":4917,"date":"2025-01-11T14:30:05","date_gmt":"2025-01-11T13:30:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kirche-aktuell.de\/?p=4917"},"modified":"2025-01-11T14:30:05","modified_gmt":"2025-01-11T13:30:05","slug":"hirtenwort-von-bischof-dr-franz-josef-overbeck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kirche-aktuell.de\/?p=4917","title":{"rendered":"Hirtenwort von Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck"},"content":{"rendered":"<p>Wort des Bischofs zum 1. Januar 2025<br \/>gek\u00fcrzte Leseversion<\/p>\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder!<br \/>I. \u201eChristsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den<br \/>Menschen.\u201c Diese Worte schrieb Dietrich Bonhoeffer im Mai 1944. Bonhoeffer k\u00e4mpfte<br \/>leidenschaftlich gegen den Nationalsozialismus und wurde ein knappes Jahr sp\u00e4ter wegen seiner<br \/>aktiven Rolle im Widerstand gegen das Hitler-Regime ermordet. Im Gef\u00e4ngnis dachte er viel \u00fcber das Christsein nach und hinterlie\u00df wegweisende Gedanken.<br \/>Beten und das Gerechte tun unter den Menschen \u2013 dieser Anspruch an Christinnen und Christen ist auch heute noch aktuell: zutiefst an Gott glauben, mit ihm betend verbunden sein und im Alltag Gerechtigkeit und Liebe leben. Wenn wir dies beherzigen, k\u00f6nnen wir auch in Zukunft eine wichtige Stimme und handelnde Kraft in unserer Gesellschaft sein.<br \/>Das Christentum hat in den letzten Jahren dramatisch an Bedeutung verloren, und wir m\u00fcssen uns darauf einstellen, als kirchliche Gemeinschaften immer kleiner zu werden. Da kann es helfen, sich an Bonhoeffers Gedanken zu erinnern, mit denen er zu einem Neuanfang des Christentums ermutigen wollte \u2013 zu einer R\u00fcckbesinnung auf das, was das Christsein im Kern auszeichnet.<br \/>Vor einem Neuanfang stehen wir in den kommenden Jahren tats\u00e4chlich. Die sechste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung hat wissenschaftlich untermauert, was viele von Ihnen im Alltag erleben: Eine immer gr\u00f6\u00dfer werdende Zahl von Menschen in unserem Land lebt ganz<br \/>selbstverst\u00e4ndlich ohne Gott. Sie brauchen keine Religion, keinen Glauben und schon gar keine<br \/>Kirche. Sie sind gl\u00fccklich und zufrieden. Sie f\u00fchren oft ein erf\u00fclltes Leben \u2013 und sind dabei<br \/>keineswegs egoistische Menschen.<br \/>Ich kenne viele solcher Menschen aus meinem privaten Umfeld; und sie begegnen mir auch als<br \/>Bischof in zahlreichen \u00f6ffentlichen Veranstaltungen. Auch Ihnen, liebe Schwestern und Br\u00fcder,<br \/>werden meine Beschreibungen nicht unbekannt sein. Die schleichende Entfernung von Gott und der Kirche ist allgegenw\u00e4rtig. F\u00fcr uns, die wir nach wie vor aus \u00dcberzeugung an Gott glauben und uns der christlichen Tradition verbunden wissen, ist das nicht leicht auszuhalten.<\/p>\n<p \/>\n<p>II. Dennoch sollten wir als Christinnen und Christen sowie als Kirche sehr ernst nehmen, was in der Welt, in der wir leben, geschieht. Gerade die Ph\u00e4nomene, die uns herausfordern, in Frage stellen oder2 und in die Tat zu bringen, dass die Menschen von heute das verstehen und nachvollziehen k\u00f6nnen. Diese Auseinandersetzung mit unserem Glauben m\u00fcssen wir f\u00fchren. Dazu geh\u00f6rt es, die Anfragen und die ablehnenden Positionen der Menschen um uns herum anzuerkennen und aufzugreifen. Vielleicht werden wir auf diese Weise im Dialog mit den Nicht-mehr-Glaubenden manches entdecken, was wir an Fragen auch in uns selbst wahrnehmen. Zu einem gefestigten, selbstbewussten Glauben geh\u00f6rt es, sich diesen Fragen und Zweifeln zu stellen. Sie merken, dass ich weit davon entfernt bin, in Klagelieder einzustimmen \u00fcber einen angeblichen Verfall des Christentums. Die Welt ist, wie sie ist \u2013 und sie hat sich in ihrer gesamten Geschichte stets ver\u00e4ndert. Das Christentum und die Kirchen sind dabei niemals stehen geblieben.<br \/>III. Darum ermutige ich Sie und mich, die Wirklichkeit von heute anzunehmen und darin auch die<br \/>Zeichen zu erkennen, mit denen Gott uns zur Neubesinnung und Ver\u00e4nderung inspirieren will. Daf\u00fcr ist es wichtig, sich zun\u00e4chst des eigenen Glaubens zu vergewissern und wahrzunehmen, was f\u00fcr das eigene Leben tr\u00e4gt: Der Glaube an den liebenden Gott, wie ihn Jesus gelebt und verk\u00fcndet hat, ist ein starkes Fundament.<br \/>Zu wissen, dass ich von Gott gewollt, geschaffen und geliebt bin, verleiht ein positives<br \/>Selbstwertgef\u00fchl, um das Leben trotz aller Ungewissheiten, aller Widrigkeiten und aller schwierigen Erfahrungen zu bew\u00e4ltigen. Die Liebe Gottes bewirkt dazu eine Haltung der N\u00e4chstenliebe, der Mitmenschlichkeit und Solidarit\u00e4t, die die Welt von heute so dringend braucht. Der christliche Glaube ist also ein gro\u00dfer Schatz \u2013 und das ist auch vielen Christinnen und Christen anzumerken, die nach wie vor an etlichen Orten Gutes und Gro\u00dfes bewirken.<\/p>\n<p>IV. Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass unser Weg als Kirche heute ein anderer sein muss als in<br \/>vergangenen Zeiten. Menschen, die heute nach Gott fragen, bestimmen ihre Haltung zu Gott und zur Religion freier und eigenst\u00e4ndiger als die Menschen fr\u00fcherer Generationen. Wer heute Jesu Ruf in die Nachfolge h\u00f6rt, wird die Kraft daf\u00fcr, sich auf dieses Abenteuer einzulassen, nicht mehr aus<br \/>anerzogenen Lehren, formelhaften Bekenntnissen und vorgegebenen Lebensvorschriften gewinnen. Wir sollten als Glaubensgemeinschaft deshalb zuerst danach suchen, was die Faszination des Rufes Jesu im Tiefsten ausmacht.<br \/>Jesu Botschaft, dass Gottes Reich nahe ist, hat mit der Vision einer gerechteren Gesellschaft zu tun, mit einem liebevollen Miteinander, mit einem solidarischen, geschwisterlichen Zusammenleben.<br \/>Christentum und Kirche \u00fcberzeugen gerade dort, wo Solidarit\u00e4t und Liebe gelebt werden, wo<br \/>Menschen sich f\u00fcreinander einsetzen, wo ein Geist des Verstehens und der gegenseitigen Hilfe zu<br \/>sp\u00fcren ist. Christsein bedeutet, f\u00fcr andere da zu sein, hat Dietrich Bonhoeffer gesagt und damit zum Ausdruck gebracht, was es vor allem bedeutet, das Gerechte zu tun.<br \/>Nat\u00fcrlich beschr\u00e4nkt sich Christsein nicht allein auf das karitative Tun. An erster Stelle steht ein<br \/>Versprechen: Unser irdisches Leben ist nicht alles. Es gibt Leben \u00fcber den Tod hinaus. Jede und jeder von uns hat eine unendliche Bedeutung, wird Leben finden, auch dann, wenn die irdische Zeit vorbei ist. Das verschafft Gelassenheit und Hoffnung. Wir Menschen werden in dieser Welt nicht alles vollbringen k\u00f6nnen, und auch unser Einsatz gegen Unheil und Tod bleibt fragmentarisch.<br \/>Unser Glaube aber verhei\u00dft, dass der uns unbedingt liebende Gott am Ende das schafft, wozu wir<br \/>Menschen niemals ganz in der Lage sein werden: Gerechtigkeit und Vers\u00f6hnung. Wer diesem Gott<br \/>sein Vertrauen schenkt, sieht die Welt, das Leben und die Menschen mit anderen Augen \u2013 und kann anders leben und handeln, liebevoller, gelassener, solidarischer und vertrauensvoller.<br \/>Es braucht ein neues Verst\u00e4ndnis von religi\u00f6ser Verk\u00fcndigung, aus dem unmittelbar deutlich wird,<br \/>welche Wirkung der Glaube auf das konkrete Verhalten und Zusammenleben hat. Und zugleich<br \/>braucht das soziale und karitative Handeln die Verwurzelung im Gottesglauben, damit es von einer tiefen Liebe und einer \u00fcber den Tod hinausgehenden Hoffnung gepr\u00e4gt sein kann. Ein christliches Verst\u00e4ndnis von Glauben und Solidarit\u00e4t verbindet das Religi\u00f6se und das Soziale. Wenn wir beim Tun des Gerechten nicht mehr wissen, weshalb wir es tun, verlieren wir unsere christliche Identit\u00e4t.<br \/>V. In den kommenden Jahren stehen wir in unserem Bistum vor einem gro\u00dfen Umbruch, mit dem wir eine Antwort geben wollen auf die gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen. Unter dem Leitwort \u201eChristlich leben. Mittendrin.\u201c stellen wir uns darauf ein, dass die bisherige Gestalt der Kirche nicht erhalten werden kann.<br \/>Es geht darum, in einer \u00fcberwiegend s\u00e4kularen Welt den christlichen Glauben als eine Option<br \/>anzubieten. Das wird nur gelingen, wenn wir auf allen Ebenen zusammenr\u00fccken, um unsere Kr\u00e4fte so effizient wie m\u00f6glich zu b\u00fcndeln. In allen St\u00e4dten und Kreisen unseres Bistums kann auf diese Weise eine katholische Kirche zusammenwachsen, die sich in gro\u00dfer Pluralit\u00e4t an unterschiedlichen Orten f\u00fcr unterschiedliche Menschen \u00f6ffnet.<br \/>Es geht darum, das Besondere und Einzigartige der christlichen Botschaft in unserer Zeit so erfahrbar zu machen, dass sich Menschen weiterhin davon angesprochen f\u00fchlen. So k\u00f6nnen und sollen neue Formen christlichen Lebens entstehen, die wir heute noch gar nicht kennen.<br \/>Kirche darf nicht Druck und Last bedeuten f\u00fcr diejenigen, die sich engagieren. Kirche soll ein Ort sein, an dem Menschen mit Lust und Begeisterung leben und wirken \u2013 inspiriert und angetrieben von dem, was sie glauben und was sie innerlich tr\u00e4gt. Deshalb werbe ich auch f\u00fcr Gelassenheit: Wir m\u00fcssen nicht die ganze Welt missionieren und f\u00fcr eine bestimmte Form kirchlichen Lebens<br \/>gewinnen. Lassen Sie uns unser gemeinsames Christ- und Kirche-Sein so verstehen und leben, dass das Evangelium eine Einladung f\u00fcr alle Menschen ist.<br \/>Der Weg der Kirche von heute ist kein Weg langfristiger Gewissheiten, universeller L\u00f6sungen und<br \/>unab\u00e4nderlicher Strukturen. Papst Franziskus beschreibt ihn als einen \u201eWeg der kleinen Schritte.\u201c<br \/>Lassen Sie uns gemeinsam diesen Weg der kleinen Schritte in diesem neuen Jahr 2025 weitergehen und mit der n\u00f6tigen Gelassenheit und Zuversicht f\u00fcr ein Christentum einstehen, das auch in unserer s\u00e4kularen Zeit eine gute Zukunft haben wird \u2013 im Vertrauen auf den Heiligen Geist, mit dem Gott uns alle auf unseren Wegen st\u00e4rkt. Seine Gaben und sein gutes Geleit erbitte ich Ihnen, Ihren Familien und allen Menschen, mit denen Sie leben.<\/p>\n<p>Mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfen und allen Segensw\u00fcnschen<br \/>Ihr<br \/>Dr. Franz-Josef Overbeck<br \/>Bischof von Essen<\/p>\n<p \/>\n<p \/>&#013;<br \/>\nSource: PV Gelsenkirchen-Horst<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wort des Bischofs zum 1. Januar 2025gek\u00fcrzte Leseversion Liebe Schwestern und Br\u00fcder!I. \u201eChristsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter denMenschen.\u201c Diese Worte schrieb Dietrich Bonhoeffer im Mai 1944. 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